Der richtige Zeitpunkt

Die Frage, ob es sinnvoller ist, den LL.M. nach dem ersten oder dem zweiten Staatsexamen abzuschließen, kann nicht allgemein beantwortet werden, zumal sie auch zu eng gefasst ist. Außerdem gibt es nämlich noch die Möglichkeiten, einen LL.M. schon vor dem ersten Staatsexamen zu absolvieren oder vielleicht auch während des Referendariats mit einem Auslandsstudium anzufangen.

LL.M.-Studium nach dem zweiten Staatsexamen

Folgende Argumente sprechen für eine Aufnahme des LL.M.-Studiums erst nach dem zweiten Staatsexamen: Nach dieser Prüfung hat man einen größeren Überblick über das deutsche Recht, besonders aber auch über das Verfahrensrecht und demnach mehr Klausur- und Prüfungserfahrung. Hegt man den Ehrgeiz als einer der Topabsolventen seines Jahrgangs abzuschließen, steigert man seine Chance hierauf, wenn man mit dem LL.M. bis nach dem zweiten Staatsexamen wartet. Danach hat man zudem eine bessere Idee, worauf man sich spezialisieren will. Somit ist das Risiko einer Einengung der Berufswahl durch den Abschluss eines bestimmten LL.M. entsprechend geringer. Außerdem steigert man seine Chancen auf die Zulassung zu einem LL.M.-Studiengang allein durch das Bestehen der zweiten Staatsprüfung, insbesondere wenn die Note besser als im ersten Staatsexamen ausfällt.

Für eine Aufnahme des LL.M.-Studiums nach dem zweiten Staatsexamen spricht zudem, dass man nach dem Referendariat auch zunehmend an Reife gewonnen hat, was den Auslandsaufenthalt wahrscheinlich leichter macht. Zudem ist der Berufseinstieg zeitlich viel näher an dem Abschluss des LL.M.-Studienganges, was zur Folge hat, dass man das neu erworbene Wissen im Beruf effektiver umsetzen kann. Letztlich steigert man vielleicht seine Chancen auf ein Stipendium von der Fulbright Kommission, dem DAAD, dem Rotary Club oder einer anderen Stiftung gegenüber Kandidaten, die allein über das erste Staatsexamen verfügen.

LL.M.-Studium nach dem ersten Staatsexamen

Die Argumente, die in dem vorherigen Absatz aufgeführt wurden, sind aber sozusagen akademisch und eher hypothetisch, weil die Studenten den LL.M. mehrheitlich nach dem ersten Staatsexamen und nicht nach dem zweiten hinter sich bringen wollen, woraufhin sich sofort die Frage stellt, worin der Grund für dieses Phänomen liegt. Am wichtigsten ist wahrscheinlich die Überlegung der meisten jungen Juristen, dass man sich nach dem anstrengenden deutschen Jurastudium und vor allem nach dem Besuch des Repetitoriums und dem folgenden Examensstress mit einem Erholungsjahr im Ausland belohnen sollte. Für viele ist das Auslandsstudium also quasi das Licht am Ende des Tunnels, auf das sie hinarbeiten. Sie wollen vor dem Referendariat noch einmal andere Erfahrungen sammeln. Es gibt aber auch weitere wichtige Argumente, wie zum Beispiel die Tatsache, dass man eventuell persönlich weniger gebunden ist und dass man mit einem bereits erworbenen LL.M. erstens wahrscheinlich durch diese zusätzliche Qualifikation die Aussicht auf lukrativere Stationen im Referendariat hat und dieses zweitens auch besser zum „Kontakteknüpfen“ und für die Arbeitsplatzsuche nutzen kann.

Schließlich weiß der Arbeitgeber, wenn ihm der Referendar mit abgeschlossenem LL.M.- Studiengang gefällt, dass dieser zumindest theoretisch gleich nach der zweiten Staatsprüfung sofort mit voller Kraft einsetzbar wäre. In der Tat lässt sich in den letzten Jahrzehnten ein Umschwung beobachten. Früher, als ich studierte, in den siebziger Jahren und auch davor, waren die LL.M. Studenten in den Vereinigten Staaten meist viel älter als heutzutage und kamen häufig mit ihren Ehepartnerinnen bzw. -partnern und Kindern. Die Ursache hierfür wird auch teilweise darin gelegen haben, dass die Stipendien damals verhältnismäßig großzügig waren. Aus welchen Gründen auch immer lässt sich als Fazit feststellen, dass der Jurist, der bis nach seinem zweiten Staatsexamen mit einem LL.M. wartet, mittlerweile eine ziemliche Ausnahme ist.