Der Wirtschaftsjurist

Der Wirtschaftsjurist will Karriere machen und das am liebsten in einer Großkanzlei. Vielleicht ist er sich nicht sicher, ob er den Rest seines Lebens in einem „Sweat Shop“ arbeiten will, aber er spürt die Herausforderung, die Anspannung und wirft sich gerne motiviert in den Kampf. Der Wirtschaftsjurist ist davon überzeugt, dass – auch wenn es hierzu keine zuverlässigen Statistiken oder Daten gibt – es „gute“ und „schlechte“ Law Schools (wenn nicht gar Länder) gibt, an denen bzw. in denen man seinen LL.M. machen kann. Er ist auch davon überzeugt, dass zum Beispiel ein LL.M. an der New York Law School mehr Wert hat als andere (und dies nicht nur, weil es mehr Geld kostet). Er wird die Buchstaben „LL.M.“ auf seine Visitenkarte schreiben wollen und mit seiner Universität in Klammern dahinter gesetzt für sich und seine  Fähigkeiten Werbung machen. Am besten sieht natürlich eine Visitenkarte mit Doktortitel und LL.M. (Harvard) aus, aber er  könnte  sich  auch  mit  „CAMBR“  in  Klammern anfreunden,  vielleicht  auch „NYU“, „Yale“, „Berkeley“ oder „Columbia“. Wichtig ist ihm dabei nur, dass die Buchstabenkombination einen sofortigen Aha-Effekt beim Leser auslöst. Für ihn kommen  die  drei  sehr  guten  Universitäten  in  London  (Kings  College,  Law School of Economics, University College London) nicht infrage, weil „London“ auf der Visitenkarte wenig imponiert. An etwas unbekanntere Law Schools, wie zum Beispiel die University of Connecticut oder die von Virginia, denkt er noch nicht einmal. Für den Wirtschaftsjuristen ist sogar die renommierte Universität Cambridge  schwierig,  weil  in  Deutschland  keiner  die  Abkürzung  „CANTAB“ (von  Universitas Cantabrigiensis)  versteht. Vielleicht  kommt  für ihn auch  aus diesem  Grund  Oxford  nicht  infrage,  weil  man  die  für  den  Deutschen  etwas schwer zuzuordnende Bezeichnung „OXON“ zumindest auf Englisch benutzt. Als Alternative bietet sich natürlich immer noch die Möglichkeit, dieses Problem wie ein ehemaliger Kollege von mir zu handhaben, der statt CANTAB in Klammern  nach  seinem  LL.M.  einfach  und  für  alle  verständlich  Cambridge  oder CAMBR schreibt.

In einem persönlichen Gespräch wird selbst der Wirtschaftsjurist meist ernüchtert und gibt zu, dass er gar nicht weiß, ob und wie er sich ein solches Studium leisten kann, zum Beispiel weil er BaföG-Empfänger ist. Dies kann aber vielleicht gerade die Motivation für die hohen Anforderungen an sich selbst und sein Streben  nach Zusatzqualifikationen darstellen, weil er später ein Leben ohne Geldsorgen führen möchte. Er ist davon überzeugt, dass die Ausbildung an einer amerikanischen Law School ihm bei der Verwirklichung seiner Ziele weiterhelfen wird und daher bereit, hierfür Opfer zu bringen.

Exkurs: Die Law School

An dieser Stelle sollte der begriffliche Unterschied zwischen einer „Law School“ und einer „University“ erklärt werden. In den Common Law-Ländern ist die universitäre Juristenausbildung eine relative Neuheit. Obwohl in Oxford schon seit dem 13. Jahrhundert „Jurisprudence“ als Fach existiert, hat man in den früheren Jahrhunderten dort Kirchenrecht und nicht Common Law studiert. Eigentlich wurde es erst im 20. Jahrhundert üblich, wenn nicht gar erforderlich, vor dem Einstieg in den Anwaltsberuf ein Jurastudium an einer Universität abzuschließen. Allerdings wird die Juristenausbildung nach wie vor eher als eine praktische– im Gegensatz zu einer akademisch-theoretischen – verstanden und deswegen in den Vereinigten Staaten an einer Law School angeboten, was dem deutschen juristischen Fachbereich an einer Universität einigermaßen entspricht. Modell dafür, zumindest in den Vereinigten Staaten, war die Ausbildung der Mediziner, die eine eher praktische Ausbildung an einer Medical School nach einer mehr theoretisch ausgerichteten universitären Ausbildung vorsah. Mit anderen Worten ist eine Law School also, zumindest in den Vereinigten Staaten, eine akademische  Einrichtung,  an  der man  einen  juristischen  Abschluss  erwerben  kann.Obwohl die meisten Law Schools (ebenso wie die deutschen Fachbereiche) an eine Universität angeknüpft sind, ist dies nicht zwangsläufig so. Ein Gegenbeispiel bildet unter anderem die California Western School of Law in San Diego.Die Bezeichnung Law School ist insofern verwirrend, als sie in England manchmal unter anderem von Anbietern des Bar Vocational Course oder Legal Practice Course angewandt wird. Dabei ist der Bar Vocational Course eine auf die Vorbereitung des Berufs des „Barrister“ ausgerichtete akademische Einrichtung, wobei der Legal Practice Course Studenten auf den Beruf eines „Solicitor“ vorbereitet.Ein Beispiel von einer „Law School“, die nicht an eine Universität gebunden ist und die außerdem die üblichen akademischen Abschlüsse wie zum Beispiel den LL.M. nicht vergibt, ist die BPP Law School mit Programmen in Leeds, London und Manchester.

Im Hinblick auf den Wirtschaftsjuristen sei außerdem noch festgehalten, dass der Kandidat ohne ein  zweistelliges Ergebnis im ersten Staatsexamen unter den namhaften Universitäten wahrscheinlich nur Chancen an der New York University hat, an der man ggf. mit finanziellen Mitteln einen Studienplatz erkaufen kann. Auch wenn hier vor allem Wirtschaftsjuristen sehr gerne ihr LL.M.-Studium aufnehmen und dafür ihr ganzes Vermögen ausgeben (bzw. einen Kredit aufnehmen),  kann ich persönlich das New York University  LL.M.-Programm nicht empfehlen, weil die Vorlesungen meistens von Praktikern und nicht von ordentlichen Professoren angeboten werden und diese extra für die ausländischen LL.M.-Kandidaten und nicht für die normalen J.D.-Studenten vorgesehen sind. Einige sehen dies aber auch als Vorteil. So sind mir Personen bekannt, die ihren LL.M. dort gemacht haben und die vor allem von der Praxisnähe der Ausbildung beeindruckt waren.

Der Wirtschaftsjurist kann sich typischerweise von dem Gedanken, dass es sowohl sehr gute als auch sehr schlechte Universitäten für einen LL.M. gibt, nicht befreien und wird in seiner Überzeugung  von  verschiedenen Rankings beeinflusst. Obwohl er solchen Rankings innerhalb Deutschlands keine Wichtigkeit beimisst, besonders wenn seine Universität nicht ganz oben auf der Liste platziert ist, so ist er doch absolut davon überzeugt, dass das Ranking des „US News and World Report“ praktisch die Stellung einer „heiligen Schrift“ in der Juristenwelt hat. Damit mag er möglicherweise auch recht haben. Vor allem unter deutschen Wirtschaftsjuristen habe ich häufig Diskussionen verfolgen können, inwiefern die Bewertung der Berkeley University (mit Stand von 2007 auf Platz 8) nicht überholt sei und auf jeden Fall weit unter dem Niveau der zweitplazierten Stanford University liege.

Um selbst einen Blick auf die Rankings werfen zu können, klicken Sie die Internetseite www.usnews.com an, gehen dort auf den Link „America’s best graduate schools“ und geben bei „select a discipline“ „law“ ein. Im Moment finden Sie die 97 besten Law Schools im sogenannten Tiers 1 sorgfältig nach scheinbar objektiven Kriterien gerankt. In den anderen Kategorien (Tiers) sind sie alphabetisch gelistet  und  nicht  nach  Leistung  gerankt,  was  zur  Folge  hat,  dass  viele  Leser fälschlicherweise denken, Universitäten, die am Anfang des Alphabets stehen, hätten eine bessere Platzierung im Ranking als beispielsweise die, deren Namen mit „University of“ anfangen und dementsprechend weit unten angesiedelt sind. Der deutsche Anwender dieses und auch anderer Rankings sollte meines Erachtens genau aufpassen, welche Kriterien bei dem Ranking überhaupt Berücksichtigung finden und mit welcher Gewichtung dies geschieht. So haben zum Beispiel die kleinen Law Schools (wie etwa Yale und Berkeley) in den ersten Kategorien, also unter den Anwälten und Richtern, aufgrund ihrer erlesenen kleinen Anzahl an Absolventen einen Nachteil. Die meisten Richter und Anwälte schätzen ihre eigene Universität als eine der besten ein und machen entsprechende Werbung dafür, sodass es hier leicht zu unverhältnismäßigen Verzerrungen kommen kann, die das „wahre“ Rankingergebnis überdecken.

Für amerikanische Verhältnisse ist – mehr noch als für deutsche – der Prozentsatz eines Jahrgangs wichtig, der innerhalb von neun Monaten nach Studienabschluss eine Vollbeschäftigung gefunden hat. Wenn der amerikanische Student seine Studiengebühren  schnell  zurückzahlen  will,  ist  dieser  Prozentsatz  sehr wichtig, ebenso wie der Prozentsatz des „School‘s Bar Passage Rate“. Hier haben zum Beispiel Universitäten aus Kalifornien einen Nachteil, weil das dortige Bar Exam bekanntlich schwieriger ist als zum Beispiel in New York. Ebenfalls für die Gewichtung ausschlaggebend ist der Undergraduate Grade Point Average und das durchschnittliche LSAT Ergebnis des ersten Jahrgangs (wobei der LSAT der Eignungstest für das dortige Jurastudium ist). Diese Kriterien gelten jedoch nicht für die dortigen LL.M.-Programme und sagen wenig über die Qualität eines solchen  Programms  aus.  Ich  würde  mir  ein  Ranking  wünschen  oder  zumindest gerne Statistiken für LL.M.-Programme sehen, in denen Betreuung, Zugänglichkeit der Bibliothek, Klassenzahl, Qualität der Lehre, Preis-/Leistungsverhältnis, Vielfalt der Auslandsstudenten, Qualität der Verpflegung und Sportangebote eingeschlossen sind. Leider gibt es solche Statistiken noch nicht, sodass man nur auf Erfahrungsberichte zurückgreifen kann.

Für  den  Wirtschaftsjuristen,  der  unbedingt  in  den  Vereinigten  Staaten  seinen LL.M. machen will, habe ich ein paar Geheimtipps. Obwohl sie in den Vereinigten Staaten weniger bekannt ist, wirbt die University of Pennsylvania um gute deutsche Studenten und ist auch willig, die Studiengebühren für gute Kandidaten zu reduzieren („partial tuition waiver“), um die sonst sehr hohen Studiengebühren einigermaßen akzeptabel und bezahlbar zu machen. Ebenso ist die University of Virginia eine sehr gute Universität mit hohem akademischen Niveau, die ihre Weltoffenheit und insbesondere ihre Offenheit gegenüber Deutschland dadurch demonstriert, dass sie jährlich zwei Professoren zum Unterrichten nach Münster schickt und im Gegenzug zwei aus Münster nach Virginia einlädt. Die University of Texas in Austin ist, wenn auch nicht unter den Top Ten, eine Law School mit einem durchaus guten Ruf, an der die Studiengebühren verhältnismäßig gering sind. Die Fordham University (Platz 27) hat zu anderen Mitteln gegriffen und Toni Fine von der Cardozo Law School an sich binden können, um das LL.M.-Programm an der Fordham University Law School aufzuwerten. Auch die University of Connecticut (Platz 46) ist eine sehr gute Adresse für ein LL.M.-Studium mit mäßigeren Studiengebühren und günstigeren Lebensunterhaltskosten. Schließlich kann ich dem Wirtschaftsjuristen die University of Iowa (Platz 27) empfehlen. Natürlich gibt es insgesamt viele hervorragende Universitäten mit guten LL.M.-Programmen unter diesen Top 100 Law Schools in den Vereinigten Staaten. Dennoch sollte der Wirtschaftsjurist, der unbedingt eine Law School unter den bestplatzierten im Ranking besuchen will, sich vielleicht nicht nur bei 5 Universitäten, wie ich meistens empfehle, sondern bei 10 oder mehr Universitäten bewerben, um seine Chancen zu erhöhen. Zudem sollte man nicht die Cornell University (Platz 12) in Upper State New York vergessen, wenn dies eventuell von der Umgebung her auch nicht das Traumziel eines jeden Kandidaten sein mag. Dies sollte den Wirtschaftsjuristen, der nur nach dem guten Ruf seiner Universität strebt, jedoch nicht abschrecken oder ihn in seiner Entscheidung beeinflussen. Schließlich liegt die Cornell University auf Platz 12 gleich hinter der Northwestern University und gleichauf mit der Duke University, zwei renommierten Universitäten mit hohem Niveau.